Usbekistan positioniert sich neu: Wie das Land jenseits aller Seidenstraßen-Klischees zu einem ernstzunehmenden IT-Standort aufsteigt
Wer in Deutschland über Usbekistan spricht, verbindet das Land traditionell mit Baumwolle, Goldminen, Basaren und dem historischen Erbe der Seidenstraße. Doch dieses Bild ist offenkundig überholt. In rasantem Tempo formt sich im Herzen Zentralasiens ein moderner Technologie- und Innovationshub, der sich strategisch als leistungsfähiger IT-Standort neu positioniert. Während Deutschland mit strukturellen Engpässen, komplexen Regulierungsumfeldern und einem massivem IT-Fachkräftemangel ringt, baut Usbekistan konsequent ein komplett neues digitales Ökosystem auf – und trifft damit auf wachsendes Interesse in Europa.
Europas Engpass – Usbekistans Momentum
Die digitale Transformation in Deutschland schreitet faktisch langsamer voran als erforderlich. Laut Bitkom fehlen fast 110.000 IT-Spezialisten – von Softwareentwicklern über Systemarchitekten bis hin zu Data Scientists und KI-Experten. Dieser Mangel bremst nicht nur Unternehmen, sondern gefährdet den Innovationsanspruch des gesamten Wirtschaftsstandortes. Genau an diesem Punkt entsteht für Usbekistan eine strategische Chance: ein junges Land, das in den vergangenen acht Jahren umfangreiche Strukturreformen umgesetzt und den Technologiesektor als Wachstums- und Exportmotor entdeckt hat.
Bei einem Fachforum in der usbekischen Botschaft in Berlin wirbt Bekhzod Sidikov, Exportverantwortlicher des nationalen IT-Parks, selbstbewusst für die neue Rolle seines Landes: „Sie können IT-Services direkt bei unseren Start-ups ordern.“ Hunderte Unternehmen, darunter zahlreiche mit europäischer Beteiligung, bieten heute Softwareentwicklung, Outsourcing-Dienstleistungen, Fintech-Lösungen, Cloud-Services und digitale Kreativarbeit an. Arbeiten aus Usbekistan an Unternehmen in den USA, Großbritannien oder Europa zu vergeben, sei inzwischen „ein ganz normaler Vorgang“.
Diese Aussage wäre vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen – doch heute untermauert sie einen strukturellen Wandel von nationaler Tragweite.
Reformkurs seit 2017: Wie ein zentralasiatisches Land zum IT-Standort wurde
Mit dem Reformstart 2017 leitete Usbekistan unter Präsident Shavkat Mirziyoyev eine wirtschaftliche Neuorientierung ein. Der Umbau von einer stark staatlich regulierten, rohstoffzentrierten Ökonomie hin zu einem offenen, international vernetzten Wirtschaftsmodell verlief für ein Land dieser Größe erstaunlich schnell. Der Fokus liegt seitdem auf Industrie, Dienstleistungen, Exportdiversifizierung, engeren Lieferkettenanbindungen und der Modernisierung der Verwaltung.
Mit über 6,5 Prozent Wirtschaftswachstum 2024 gehört das Land zu den dynamischsten Volkswirtschaften Eurasiens. Der Dienstleistungssektor – und darin besonders der digitale Bereich – entwickelt sich überproportional. Inzwischen ist der IT-Export das am schnellsten wachsende Segment der nationalen Wirtschaft.
IT-Exporte überschreiten erstmals die Marke von einer Milliarde US-Dollar
Ein Meilenstein wurde 2024 erreicht: Die Ausfuhren usbekischer IT-Services überstiegen die Schwelle von einer Milliarde US-Dollar. Präsident Mirziyoyev erklärte auf dem Tashkent International Investment Forum (TIIF), man strebe an, bis 2030 ein Exportvolumen von fünf Milliarden US-Dollar zu erreichen. Angesichts des aktuellen Wachstumstempos erscheint dieses Ziel ambitioniert, aber nicht unrealistisch.
Seit 2020 wächst der Sektor jährlich um rund 42 Prozent. Die Exporte stiegen binnen drei Jahren von 42 Millionen US-Dollar (2020) auf 447 Millionen US-Dollar (2023). Damit ist Usbekistan inzwischen Nettoexporteur digitaler Dienstleistungen – und zwar nicht in seine unmittelbare Nachbarschaft, sondern vorrangig in die USA, nach Großbritannien und zunehmend nach Europa.
Digitale Infrastruktur: Rechenzentren, Glasfaser und E-Government
Der Staat verfolgt eine klare Infrastrukturstrategie, koordiniert durch das 2022 geschaffene Ministerium für Digitaltechnologien. Parallel zum Ausbau der Glasfasernetze entstehen neue Rechenzentren. Besonders hervorstechend: Das saudische Unternehmen DataVolt baut ein großes, vollständig mit erneuerbarer Energie betriebenes Rechenzentrum im IT-Park in Taschkent. Weitere Standorte wie Buchara oder die neu entstehende Stadt „New Tashkent“ stehen bereits auf der Agenda.
Bis 2030 sollen zwanzig Rechenzentren mit einer Gesamtkapazität von mehr als 500 Megawatt entstehen – ein Indikator für den ernsthaften Anspruch, dauerhaft als IT-Destination sichtbar zu werden.
Auch die elektronische Verwaltung macht Fortschritte. Im UN E-Government Development Index rangiert Usbekistan auf Platz 63 und strebt an, in die globalen Top 30 aufzusteigen. Die Administration digitalisiert systematisch Abläufe – von Unternehmensregistrierungen bis zu Verwaltungsprozessen –, was wiederum Start-ups und Investoren zugutekommt.
Der IT-Park: Herzstück der neuen Digitalagenda
Mit über 3.000 registrierten Unternehmen – darunter mehr als 800 internationale Firmen – ist der IT-Park Taschkent das operative Zentrum des technologischen Wandels. Start-ups profitieren von speziellen Steuerregimen, vereinfachten Visa-Prozeduren, Beschleunigungsprogrammen und Services wie Zero Risk, Softlanding oder Enterprise Uzbekistan.
Die dort ansässigen Firmen beschäftigen gemeinsam rund 45.000 Personen und exportieren in über 90 Länder. Zu den wichtigsten Aushängeschildern zählen:
- Payme, eines der führenden Fintech-Unternehmen Zentralasiens
- Uzum, das erste usbekische Einhorn
- United Soft, das internationale Animationen und digitale Effekte für Marken wie Samsung und Ubisoft produziert
Diese Fallbeispiele zeigen, dass Usbekistan nicht nur Outsourcing-Kapazitäten, sondern zunehmend auch eigene Innovationsprodukte hervorbringt.
Rohstoffe, Märkte, Partner – aber Humankapital als größte Ressource
Usbekistan verfügt über bedeutende Rohstoffvorkommen, darunter Uran, Gold, Kupfer, Wolfram und seltene kritische Mineralien wie Germanium oder Vanadium. Doch für die digitale Transformation ist der wichtigste Faktor ein anderer: ein enormes demografisches Potenzial. 45 Prozent der fast 40 Millionen Einwohner sind unter 25 Jahre alt. Das Land ist damit die mit Abstand jüngste Gesellschaft Zentralasiens.
Diese Generation ist technikaffin, gut ausgebildet und pragmatisch orientiert. Mit dem 2024 unterzeichneten Migrations- und Mobilitätsabkommen zwischen Deutschland und Usbekistan entsteht erstmals ein strukturierter Rahmen für beiderseitige Kooperationen im Arbeitsmarkt. Duale Programme – etwa in Südthüringen oder Sachsen-Anhalt, aber auch im medizinischen Bereich – zeigen, dass Interesse und Potenzial vorhanden sind.
Outsourcing statt Talentverlust
Ein Dauerproblem in Entwicklungs- und Schwellenländern ist der sogenannte „Brain Drain“. Usbekistan versucht einen Alternativweg: anstatt große Mengen an Informatikern dauerhaft ins Ausland abwandern zu lassen, setzt man auf „IT-Outsourcing Made in Uzbekistan“. Europäische und deutsche Unternehmen können mit lokalen Tech-Teams arbeiten, ohne dass das Land seine Fachkräfte verliert.
Attraktiv ist auch das Kosten-Niveau: IT-Spezialisten verdienen zwar das Dreifache des nationalen Durchschnittslohns, liegen aber weiterhin deutlich unter europäischen Niveaus. Die kulturelle Nähe zu Europa – insbesondere was Arbeitsrhythmus, Kommunikationsstil und Projektmanagement betrifft – erleichtert die Zusammenarbeit zusätzlich.
Russischer Zuzug sorgt für zusätzlichen Innovationsschub
Ein externer Faktor stärkte den usbekischen IT-Sektor ab 2022 erheblich: Der massive Zuzug russischer Fachkräfte infolge der Teilmobilmachung. Zehntausende qualifizierte Spezialisten verlegten ihren Lebensmittelpunkt nach Taschkent und andere usbekische Städte. Ihre Integration verlief aufgrund sprachlicher und kultureller Nähe weitgehend reibungslos. Dieser Zufluss beschleunigte den Kompetenzzuwachs erheblich. Zahlreiche Neugründungen und IT-Park-Registrierungen erfolgten mit russischer Beteiligung.
Ob diese Experten langfristig im Land bleiben, ist offen. Doch ihre temporäre Präsenz hinterließ messbare Effekte – insbesondere im Bereich Skalierung, Produktentwicklung und Exportfähigkeit.
Wirtschaftliche Öffnung, WTO-Beitritt und neue Partnerschaften mit der EU
Usbekistan verfolgt seit Jahren eine Öffnungspolitik: Visaerleichterungen, Reform des Zollwesens, Abbau alter bürokratischer Strukturen und Neujustierung der staatlichen Förderpolitik. Ein Ziel rückt näher denn je: der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO). Nach dem Abschluss der bilateralen Verhandlungen mit der EU gilt ein Beitritt bis 2026 als realistisch.
Am 24. Oktober 2025 wurde in Brüssel ein Abkommen über erweiterte Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen Usbekistan und der Europäischen Union unterzeichnet – ein diplomatischer Schritt, der signifikante wirtschaftliche Konsequenzen haben dürfte. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte: „Es ist an der Zeit, eine bereits starke Partnerschaft zu festigen.“ Für Usbekistan ist dies sowohl Anerkennung des Reformkurses als auch Verpflichtung, ihn weiterzuführen.
Herausforderungen bleiben – doch der Wille zur Modernisierung ist erkennbar
Trotz aller Erfolge ist das Land nicht frei von strukturellen Problemen. Viele Bereiche der öffentlichen Verwaltung tragen noch Spuren alter Gewohnheiten: komplexe Verfahren, einzelne Klientelstrukturen, mangelnde Transparenz bei Vergaben und ungleiche Wettbewerbsbedingungen. Auch die schnelle Digitalisierung erzeugt neue Anforderungen an Datenschutz, Cybersicherheit und Regulierung.
Doch der politische Wille zur Modernisierung ist sichtbar – und wird von internationalen Institutionen zunehmend bestätigt. Entscheidend wird sein, ob das Land seine Dynamik beibehält und gleichzeitig rechtliche, bürokratische und institutionelle Reformen mit der Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Entwicklung synchronisiert.
Fazit: Ein Land setzt auf Zukunft – und Europa nimmt es zunehmend wahr
Usbekistan befindet sich in einer Phase seltenen Momentum. Die Kombination aus junger Bevölkerung, gezielter Digitalstrategie, internationalen Partnerschaften, attraktiven Kostenstrukturen und wachsender unternehmerischer Kompetenz positioniert das Land als neuen, ernsthaften Player der globalen IT-Landschaft. Während Europa über Fachkräftemangel und digitale Wettbewerbsfähigkeit diskutiert, baut Usbekistan im Hintergrund eine Industrie auf, die in wenigen Jahren ein Exportvolumen im Milliardenumfang erreicht hat.
Der Blick Europas – insbesondere Deutschlands – auf das Land wandelt sich: vom vermeintlichen Randstaat des eurasischen Kontinents hin zu einem technologischen Partner mit Relevanz für Digitalisierung, Fachkräftekooperation und wirtschaftliche Resilienz. Der Weg bleibt anspruchsvoll, doch das Land hat begonnen, seine Rolle in den globalen Wertschöpfungsketten neu zu definieren. Und es zeigt deutlich: Das Zeitalter, Usbekistan ausschließlich anhand der Klischees der Seidenstraße zu betrachten, ist vorbei.
©Davra e.V. basierend auf einem Bericht der Berliner Zeitung
